Meinungen/Kommentare

An dieser Stelle wollen wir die Möglichkeit bieten, Meinungen und Kommentare abzugeben zu Begebenheiten, Erlebnissen in der Schule, im Kiez, aber auch zu allem anderen, was schulische Relevanz hat. 

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➠ Was hättest du getan?

Heute ist Mittwoch. Mittwochs unterrichte ich in meiner 6. Klasse immer vier Stunden am Stück. Ich mag diesen Tag. Man hat Zeit, auch mal etwas länger über Dinge zu sprechen, ohne dass die Pausenklingel an der spannendsten Stelle für einen Abbruch sorgt. So reden wir auch heute. Eine Klassenarbeit steht an. Wir sprechen über Balladen und kommen über Heinrich Heines „Belsazar“ auf die Themen Religion, Achtung, Toleranz usw.

Ein Thema, das die Schüler bewegt. Viele melden sich, schildern Begebenheiten, sagen ihre Meinung. Immer mehr Arme gehen hoch. Eine Menge Münder wollen zu Wort kommen.

Plötzlich meldet sich Gabriel*. Er erzählt uns ein Erlebnis aus dem Supermarkt: Er kauft mit seiner jüngeren Schwester ein. Sie stellen sich brav in die Schlange an der Kasse. Eine ältere Frau steht hinter ihnen an. Es geht ihr offenbar nicht schnell genug. Die Schuldigen sind sofort gefunden, zwei dunkelhäutige Kinder – unser Gabriel und seine Schwester. Die Frau schimpft, wieso es so lange dauert und warum so viele Ausländer in der Schlange stehen.

Ich frage ihn, ob niemand von den anderen Leuten etwas gesagt hat. Nein. – Entsetzen in der Klasse. Gabriel erzählt weiter. Als ihm draußen vor dem Supermarkt etwas aus der Hand fällt, setzt die Frau noch einen drauf: „Ihr taugt doch sowieso zu nichts anderem als zum Baumwollpflücken!“ Die Klasse ist empört. Meine Schüler fragen mich, ob das Rassismus sei. Ich sage „Ja! Das ist Rassismus.“ Gabriels Augen blicken traurig. Er hat das alles wortlos über sich ergehen lassen. Niemand hat ihm geholfen in diesem Supermarkt. Niemand hat diese Frau zur Rede gestellt. Keine Kunden, kein Supermarkt-Personal – einfach niemand. Wegschauen und Schweigen ist eine beliebte Strategie in solchen Fällen.

Ich frage mich, wie viele solcher Demütigungen und Hass-Attacken Gabriel und all die anderen, deren Hautfarbe nicht weiß genug, deren Haarfarbe nicht blond genug ist, schon ertragen mussten. Dumme Sprüche von dummen Leuten. Es ist gut, denke ich, dass Erlebnisse wie diese Gabriels Fröhlichkeit, Sensibilität und seinem großen Herzen nichts anhaben konnten. Das ist nicht bei jedem so, der viel Unrecht und Leid erfährt.

Gabriel kann wunderbar erklären – die schwierigsten Wörter, deren Bedeutung kein anderer in der Klasse kennt. Er baut manchmal Mist, so wie alle Kinder auf dieser Welt. Er ist ehrlich. Er gibt zu, wenn er Blödsinn verzapft hat. Das mag ich sehr an ihm. Er hat eine Hauptrolle in unserem Musical gespielt. Er hat das richtig toll gemacht!

Der heutige Tag, an dem er uns das alles erzählt, ist sein Geburtstag. Gabriel kam mit großen Tüten in die Schule: leckerer Kuchen und für jeden ein Tütchen mit Süßigkeiten. Für ihn spielt die Hautfarbe der anderen keine Rolle.

Ich bin wütend über die Gleichgültigkeit und Feigheit der Leute. Trotzdem freue ich mich, Gabriel wieder lachen zu sehen. Ich wünsche mir sehr, dass die Kinder, die heute hier in meiner Klasse sitzen, zu jenen gehören, die sich trauen zu helfen, wenn sie Zeuge rassistischer Pöbeleien werden. Das erfordert Mut, aber je mehr Menschen ihren Mund aufmachen, umso besser! Und wenn einer den Anfang macht, finden sich nicht selten mehr Leute, die helfen.

Was hättest du getan?

K. Ahnert, Lehrerin

*Name geändert